Reinhard Saal

 

Rehabilitation in der beruflichen Alltagswelt
für Menschen mit psychischer Erkrankung

 
Der vorliegende Text basiert auf
meinem Manuskript für das Eröffnungsreferat zur
Jahrestagung von 53° Nord, am 8. und 9. März 2018
(mit zusätzlichen Anmerkungen und Quellenangaben)

 

 

 

Einleitung

Im Folgenden möchte ich die Bedeutung der "beruflichen Alltagswelt" für die Rehabilitation psychisch kranker Menschen herausarbeiten. Für Werkstätten ist dieses Thema besonders interessant, weil sie Zugänge zur Arbeitswelt intensiver gestalten können als andere Institutionen.

 

Sofern wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, halte ich sie als Eckpunkte für die Arbeit der Werkstätten fest. Überwiegend stütze ich mich aber auf eigene Alltagsbeobachtungen, auf praktische Erfahrungen außerhalb der Werkstatt, mit Werkstatt-Klientel.

 

Der Text gliedert sich in 4 Abschnitte:

  1. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit Befunden zur Arbeitswelt. Ich versuche zu zeigen, was berufliche Alltagswelten kennzeichnet. Offenbar sind sie gleichzeitig Problemfelder und Problemlösungsinstanzen.
  2. In einem Exkurs versuche ich die Frage zu präzisieren, was genau die Werkstatt zur "Sonderwelt" macht, was sie von "normalen" Arbeitswelten unterscheidet.
  3. Im dritten Abschnitt wende ich mich der Rehabilitationspraxis in der beruflichen Alltagswelt zu. Leistung, Verhalten und Motivation bezeichnen die wichtigsten Problemkomplexe, die in der Praxis bearbeitet werden müssen.
  4. Es ist anzunehmen, dass unsere Arbeit Auswirkungen auf berufliche Alltagswelten hat. Ich würde diese als "Rationalisierung" beschreiben.

 

Von 1987 bis 2013 war ich für die Dieburger Reha-Werkstatt tätig - 15 Jahre davon als Leitung. Das Gründungskonzept unserer Werkstatt war: die berufliche Förderung aller Rehabilitanden in einer externen Arbeitsgruppe. Unser Organisationsmodell und einige empirische Daten stelle ich Ihnen im Laufe des Vortrags vor. Mir geht es dabei um generelle Aussagen zur Rehabilitation und nicht um die Präsentation der Reha-Werkstatt in Dieburg.

Seit 2014 arbeite ich in einem anderen Bereich, und zwar u.a. in der Vermittlung geistig behinderter Menschen auf Beschäftigungsplätze außerhalb der Werkstatt. Die Besonderheiten der verschiedenen Zielgruppen wären ein eigens Vortragsthema.

Ich bin Soziologe. Mein Zugang zur Werkstatt ist geprägt von meinem fachlichen Hintergrund. So lautet meine Kern-These, dass die berufliche Rehabilitation wesentlich von sozialen Prozessen im Arbeitsalltag abhängt.

 

Spezifizierung des Personenkreises

Die Geltung dieser These möchte ich zunächst beschränken auf jene Werkstatt-Klientel, die an Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis leidet. Beruflich habe ich 94 Menschen mit diesen Erkrankungsbildern begleitet - die meisten über mehrere Jahre. Andere Erkrankungsformen sind mir nur in kleinen Fallzahlen begegnet.[1]

Im Folgenden beziehe ich mich auf diese 94 Klienten (sofern nicht anders vermerkt), die wir im Zeitraum von 1987 bis 2011 aufgenommen haben.[2] Insgesamt waren es 197 Klienten.

 

Das Diagramm auf der nächsten Seite zeigt die verschiedenen Erkrankungsgruppen und die Zusatzhandicaps aller Rehabilitanden der Dieburger Werkstatt 1987 - 2011

 

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[1]   Die Differenzierung der Klientel ist nicht nur eine fachliche Voraussetzung für die weitere Professionalisierung unserer Arbeit sondern auch eine Forderung der Betroffenen. "Schafft endlich den Begriff 'psychisch krank' ab!", forderte Ursula Talke bei ihrem Vortrag zum 40-järigen Jubiläum der Aktion Psychisch Kranke (APK 2011, S.28).

Die Heterogenität der Klientel ist bemerkenswert. Sie betrifft nicht nur Krankheitsbilder. Unserer Klientel reicht vom 18- bis zum 55-jährigen, von der Heimbewohnerin bis zum Familienvater, vom Berufseinsteiger bis zum ehemaligen Filialleiter einer Bank, vom Sonderschüler bis zum Akademiker.

[2]   Karte zum Einzugsgebiet

Das Einzugsgebiet (der östliche Landkreis Darmstadt-Dieburg) hatte 2011 ca. 135.000 Einwohner. (Landkreis DA-Di 2011)

Von jährlich 19 schizophrenen Ersterkrankungen pro 100.000 Einwohnern (Gaebel 2010, S. 16) landen demnach ca. 15% irgendwann in der Werkstatt: 94 von 641 (19 / 100.000 x 135.000 x 25 Jahre).

In den Nachbarregionen gibt es mehrere konkurrierende (konventionelle) Reha-Werkstätten: in Darmstadt, Dietzenbach, Erbach, Asbach und Aschaffenburg, letztere jenseits der Landesgrenze zu Bayern. Asbach bietet außerdem RPK-Maßnahmen an.

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