Rehabilitation im
Dieburger Modell

Nach unserer Erfahrung ermöglicht die Förderung direkt am Arbeitsplatz eine besonders effektive berufliche Rehabilitation, insbesondere für Menschen mit einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, die über 60% der Klientel unserer Reha-Werkstatt in Dieburg bilden. Eine auf den Arbeitsalltag zentrierte Förderung kann sich auf die Ressourcen des Alltags selbst stützen und sie weiterentwickeln.

 

Bei der Fallanamnese und in der Selbsteinschätzung vieler Rehabilitanden zeigt sich, dass nicht "die Arbeit" sondern die Arbeitswelt das "Problemmaterial" der beruflichen Integration formt. Im Arbeitsalltag erleben wir unsere Rehabilitanden anders als in Test- oder Schulungssituationen. Im "Dieburger Modell" verzichten wir daher auf Assessments (Eignungsprognosen) und suchen nach Teilhabechancen im Alltag - auch für die "schwächeren" Rehabilitanden, und zwar schon mit Beginn des sog. "Berufsbildungsbereiches" der Werkstatt (also im Anschluss an das 3-monatige Eingangsverfahren).

An meinen Arbeitsplatz komme ich als "ganzer Mensch", d.h. mit meinen Gefühlen, meinen Werten und meinem Können. Die berufliche Eingliederung ist also nicht nur eine kognitive Herausforderung und nicht mit Wissensaneignung alleine zu bewältigen.

Umgekehrt ist auch ein Betrieb mehr als nur eine formale Einheit. Der materielle Arbeitsprozess ist eingebettet in eine soziale Organisationsform, die dem Individuum u.a. in Gestalt der Arbeitstugenden gegenübertritt und ihm ein Maß an Disziplin (Motivation) abverlangt, das gerade in der Lebens- und Krankheitssituation chronisch psychisch Kranker nicht leicht aufrecht zu erhalten ist. So finden sich auch in unserer Werkstatt Fälle (hoch-)leistungsfähiger Psychotiker, die den Anforderungen erwerbsförmiger Arbeit nicht gewachsen sind.

Ein Kernproblem der beruflichen Rehabilitation und deren "Motor" im Arbeitsalltag ist nach unserer Erfahrung auf der Ebene der direkten Interaktion der Kollegen am Arbeitsplatz zu suchen: Betriebe bilden eigene soziale Welten. Kein Unternehmen funktioniert ohne informelle Handlungskoordination, die die formellen Entscheidungswege "deckt" (siehe "Dienst nach Vorschrift", als Annulierung der informellen Kooperation).

Tatsächlich scheitern jene Rehabilitanden, die nicht ein Minimum an Kommunikationsfähigkeit mitbringen, die immer fremd bleiben. Den anderen gelingt es in der Regel, mehr oder weniger weit in den Arbeitsalltag hineinzuwachsen.

Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis verändern den Bezug des Individuums zur Welt. Der deformierte Weltbezug wird unweigerlich in der alltäglichen Interaktion thematisiert. Die Handlungskoordination der verschiedenen Akteure ist daher ein Fokus der Förderung im Arbeitsalltag (gerichtet auf einen Zuwachs an Rationalität; Stichwort "Reparaturmechanismen" des Alltags).

 

Die Reha-Werkstatt Dieburg kooperiert mit Betrieben, die hierfür die geeigneten Rahmenbedingungen ermöglichen: vor allem durch Reduzierung der Leistungsanforderungen und den "Import" professioneller Betreuung. Die Rehabilitanden nehmen einen modifizierten Arbeitnehmerstatus ein. Sie treten nicht als Mitarbeiter eines Dienstleisters auf (anders als mitunter in unserem "Arbeitsbereich"). Auch symbolisch werden unsere Rehabilitanden in den Arbeitsalltag integriert (z.B. durch Arbeitskleidung mit Firmenemblem, durch Einbeziehung in Feste).

 

Im "Dieburger Modell" betreiben wir berufliche Rehabilitation mit sozialintegrativen Mitteln.

 

Reinhard Saal, Feb. 2010

 

Der Text entstand als Praxisbeitrag für eine geplante Broschüre der LAG-WfbM Hessen zur beruflichen Bildung in Werkstätten für psychisch Behinderte.

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