Reinhard Saal
Anmerkung zum Begriff der Rehabilitation[1]

Abgekürzt "Reha"; häufig in Wortkombinationen wie Reha-Werkstatt, Reha-Maßnahme, Reha-Team, Reha-Antrag usw.

Der Begriff ist mehrdeutig und die Definitionen variieren abhängig von der fachlichen Perspektive. Zu meinen ersten Quellen gehörte das Roch Lexikon der Medizin. Da wird Rehabilitation so beschrieben: "die Maßnahmen zur Wiedereingliederung sozial, geistig(-seelisch) oder körperlich benachteiligter Personen ('Behinderter') in das Berufs- und Privatleben. Erfolgt bei körperlichen Schäden u.a. durch operative Minderung von Restschäden, optimale prothetische, epithetische und apparative Versorgung, berufsbezogene Übungsbehandlung, evtl. auch Umschulung."

(1.) Hier wird Rehabilitation verstanden als eine Leistung von Experten (Medizinern), auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Das ist offenbar analog der Therapie gedacht. Ich gehe zu einem Arzt oder einem Facharzt, um mich behandeln zu lassen, mit meinen speziellen Beschwerden. Und ich erwarte auch von einer Reha-Einrichtung eine individuelle Förderung auf Grundlage fachlicher Standards. Ich erwarte in der Reha also auch Experten. Das bedeutet für die Werkstätten, dass sie sich Expertenwissen aneignen müssen: Hierzu gehört beispielsweise die Beratung durch einen Therapeuten (Supervision), regelmäßig Schulungen und die Qualifizierung des Personals (die Ausbildung der Gruppenleiter zur "Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung"). Zur Rehabilitation in unserem speziellen Arbeitsfeld gibt es tatsächlich kaum wissenschaftliches Material. Und wir haben zumindest in einzelnen Punkten Pionierarbeit geleistet.

(2.) Wenn man die Analogie zur Medizin fortführt, findet man die Unterscheidung von Therapie und Heilung. Das sind verschiedene Dinge (wie wir leidvoll wissen). Heilung wäre das, was mit dem Patienten geschieht, wenn die Therapie erfolgreich ist. Als Rehabilitation bezeichnen wir auch die Veränderung, die der Betroffene durchläuft. Was in der Medizin "Therapie" und "Heilung" sind, nennen wir in unserem Arbeitsgebiet beides "Rehabilitation". Reha ist (1.) die Dienstleistung von Experten und (2.) die Veränderung oder Befähigung oder Stabilisierung eines behinderten Menschen. Daran hat dieser behinderte Mensche selbst einen entscheidenden Anteil. Seine Fähigkeiten, seine Ressourcen, seine Motivation, seine Disziplin sind das Fundament einer erfolgreichen Rehabilitation. (...)

(3.) Es kommt noch eine Bedeutung hinzu, für die es keine Analogie zur Medizin gibt. Rehabilitation ist nämlich auch eine Leistung der sozialen Umwelt, die sich an die Bedürfnisse behinderter Menschen anpasst - oder auch nicht. In unserem Arbeitsgebiet spielen Prozesse der sozialen Eingliederung (die nie einseitig sind) eine entscheidende Rolle. (...)

 

Ergänzung zum dritten Punkt (Mai 2019):

"Rehabilitieren" bedeutet auch die Wiedereinsetzung der Ehre, die Aufhebung einer ungerechtfertigten Ausschließung. Zur Rehabilitation gehören Toleranzleistungen in der Alltagswelt.

Den Rehabilitationsbeitrag der sozialen Umwelt beschreibt schon der britische Reformpsychiater Douglas Bennet[2]: Während für Körperbehinderte die Lebensumwelt barrierefrei gestaltet werden muss, benötigen psychisch Kranke eine soziale Umwelt, die mit abweichendem Verhalten angemessen umgehen kann.

 

 

Anmerkungen:

[1]   Der Text war Teil meiner Eröffnungsrede zur 20-Jahr-Feier der Reha-Werkstatt Dieburg 2007

[2]   Douglas Bennett, Einige Bemerkungen zur Rehabilitation psychisch und geistig Behinderter in Großbritannien. In: BT-Drucksache 7/4201. Anhang zum Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland - Zur psychiatrischen und psychotherapeutisch/psychosomatischen Versorgung der Bevölkerung - Bonn: Deutscher Bundestag 1975, S.797 - 827; Download: http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/07/042/0704201.pdf geprüft 5.2019

 

 

 

UPLOAD auf www.denksaal.de im Mai 2019, Reinhard Saal

 

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